Streit ums Schulbarometer – Philologen-Chefin: Lehrkräfte können soziale Schieflagen nicht unter Mangelbedingungen “wegpädagogisieren”

Kategorien: PhV in den MedienVeröffentlicht: 19.03.2026

BERLIN. Das Deutsche Schulbarometer mit neuen Daten zur (teilweise schlechten) psychischen Verfassung von Schülerinnen und Schülern hat hitzige und kontroverse Reaktionen hervorgerufen – unter Lehrkräfteverbänden. Während GEW und VBE als Konsequenz der Studie vor allem mehr Ressourcen und eine bessere soziale Infrastruktur an Schulen fordern, rückt der Philologenverband die Studie selbst in den Fokus – und wirft ihr vor, zentrale strukturelle Probleme des Bildungssystems auszublenden.

Mit der Veröffentlichung des Deutschen Schulbarometers 2025 zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat die Robert Bosch Stiftung eine hitzige Debatte entfacht. Ein erheblicher Teil der Schülerinnen und Schüler gilt als psychisch belastet, soziale Unterschiede treten deutlich hervor, und die Wünsche nach mehr Mitbestimmung im Schulalltag sind ausgeprägt. Die Reaktionen der Lehrerverbände fallen unterschiedlich aus – und legen offen, wie umstritten die Deutung der Ergebnisse ist.

Besonders scharf fällt die Kritik des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes aus. Dessen Landesvorsitzende Sabine Mistler stellt die Anlage der Studie selbst infrage. Die Untersuchung „bleibt weitgehend auf der Ebene individueller Belastungen und pädagogischer Stellschrauben stehen“, erklärt sie. Und: „Sie blendet die zugrunde liegenden strukturellen Probleme des Bildungssystems aus.“ Aus Sicht des Verbandes entsteht so ein verkürztes Bild, das die Verantwortung für die Bewältigung gesellschaftlicher Problemlagen einseitig in die Schulen verlagert.

Mistler warnt davor, dass die Ergebnisse nahelegen könnten, Lehrkräfte müssten durch intensivere Beziehungsarbeit, mehr Partizipation und zusätzliche Förderung ausgleichen, was außerhalb der Schule verursacht werde. „Wer vorrangig über Unterrichtsqualität, Klassenklima und Mitbestimmung spricht, aber den Lehrkräftemangel, die permanenten Reformlasten und jahrelange Unterfinanzierung ausblendet, greift die Realität an unseren Schulen nur unzureichend auf“, sagt sie. Darin sieht der Verband eine problematische Verschiebung politischer Verantwortung durch die Studienautorinnen und -autoren.

Der Verband sieht eine problematische Verschiebung politischer Verantwortung

Besonders kritisch bewertet der PhV die Darstellung von Leistungsanforderungen und empfundenem Druck. Die Studie verhandle diese vor allem als subjektive Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler. „So entsteht der Eindruck, das Problem sei vor allem ‚zu viel Druck‘ im System Schule“, so Mistler. Nicht berücksichtigt werde jedoch, dass Schulen selbst unter wachsendem Druck stünden – durch zusätzliche Aufgaben wie Inklusion, Integration, Ganztagsausbau, Beratung und Digitalisierung, bei gleichzeitig knappen Ressourcen.

Auch bei der Frage der Chancengerechtigkeit sieht der Verband eine einseitige Perspektive. Zwar benenne die Studie erhöhte Belastungen bei Kindern aus einkommensschwachen Familien oder mit Förderbedarf, ordne diese aber primär als pädagogische Herausforderung ein. „Hier werden soziale Schieflagen diagnostiziert, und die Schulen und Lehrkräfte sollen sie unter Mangelbedingungen wegpädagogisieren“, kritisiert Mistler. Der Verband betont, Schule könne gesellschaftliche Probleme nicht allein lösen.

Der PhV warnt ausdrücklich vor bildungspolitischen Schlussfolgerungen

In dieser Linie warnt der PhV ausdrücklich vor bildungspolitischen Schlussfolgerungen, die aus seiner Sicht zu kurz greifen. „Wir lehnen eine Instrumentalisierung durch Studien ab, ganz besonders dann, wenn dadurch leistungsorientierte Schulformen schrittweise delegitimiert werden sollen“, erklärt Mistler mit Blick insbesondere auf das Gymnasium, dessen Lehrerschaft der Philologenverband vertritt. Ohne differenzierte Betrachtung von Schulformen und Rahmenbedingungen bestehe die Gefahr, strukturelle Unterschiede zu ignorieren und pauschale Reformforderungen abzuleiten. (…)

Der gesamte Beitrag ist am Donnerstag, 19. März 2026, bei News4Teachers erschienen.

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