Fortbildung: Mädchen und Frauen im Salafismus

Kategorien: Aktuelles, Frauen, Familie & GleichstellungVeröffentlicht: 13.04.2026

Die Teilnehmerinnen der Fortbildung. (Foto: Anne-Dore Becker)

Fortbildung des Referats Frauen, Familie und Gleichstellung am 14. März 2026 in Düsseldorf

Auf Einladung des Referats Frauen, Familie und Gleichstellung des Philologenverbandes NRW fand am 14. März 2026 eine ganztägige Fortbildung im NH-Hotel Düsseldorf City statt. Unter der Leitung von Dr. Britt Ziolkowski vom Zentrum für Analyse und Forschung beim Bundesamt für Verfassungsschutz widmeten sich die Teilnehmerinnen einem Thema, das im schulischen Alltag zunehmend an Bedeutung gewinnt: der Rolle von Mädchen und Frauen im Salafismus.

Die von Jutta Bohmann hervorragend organisierte Veranstaltung überzeugte nicht nur durch inhaltliche Tiefe, sondern auch durch eine angenehme Arbeitsatmosphäre, moderne technische Ausstattung sowie eine ausgezeichnete Verpflegung. In einer engagierten und offenen Teilnehmerinnengruppe entwickelte sich ein intensiver Austausch zwischen Referentin und Kolleginnen.

Islamismusaffinität im Fokus: Eine Bestandsaufnahme

Die Relevanz des Themas verdeutlichte Frau Bohmann direkt zu Beginn mit einem Verweis auf den aktuellen „MOTRA-Monitor“: Über 45 % der Muslime in Deutschland unter 40 Jahren zeigen demnach Einstellungen, die als islamismusaffin eingeordnet werden können – entweder manifest oder latent vorhanden. Ein zentrales Merkmal dieser Affinität ist die Überzeugung, religiöse Normen über die staatliche Ordnung zu stellen oder andere Religionen abzuwerten.

Politischer Islamismus: Begriffsschärfung und ideologische Kernmomente

Um diese Zahlen einzuordnen, bedarf es einer klaren begrifflichen Trennung. In Anlehnung an Tilman Seidensticker versteht man unter Islamismus eine politische Bestrebung, die den Islam als universale „Lösung für alles“ instrumentalisiert. Diese Ideologie fordert eine autoritäre Unterwürfigkeit unter die Souveränität von Allah und steht damit zum Teil im Widerspruch zu säkularen (weltlichen) Rechtsvorstellungen.

Dabei darf der Islam keinesfalls als homogene Einheit missverstanden werden. Der Islamismus selbst fächert sich in verschiedene Strömungen auf, wobei der politische Salafismus eine zentrale Rolle einnimmt. Sein Ziel ist es, die Gesellschaft nach einem „ursprünglichen“ Vorbild umzugestalten.

Das Paradoxon der „frommen Frau“: Zwischen Unterordnung und Aufwertung

Diese Umgestaltung der Gesellschaft durch den politischen Salafismus zeigt sich besonders deutlich in der Rolle der Frau. Zu Beginn der Fortbildung wurde deutlich, wie wichtig eine differenzierte Perspektive ist: Frauen im Salafismus sind nicht ausschließlich als Opfer patriarchaler Strukturen zu verstehen. Vielmehr übernehmen sie vielfältige Rollen und tragen aktiv zur Stabilisierung entsprechender Milieus bei. Diese Ambivalenz bricht gängige Zuschreibungen von „Opfer“ und „Täter“ auf.

Im ersten inhaltlichen Schwerpunkt wurde das Frauenbild im salafistischen Kontext analysiert. Dieses Bild basiert auf einer wortwörtlichen Auslegung religiöser Quellen und ist durch eine strikte Geschlechtertrennung geprägt: Während dem Mann die Rolle des Familienoberhaupts und die Repräsentation nach außen zugeschrieben wird, ist der Wirkungsbereich der Frau primär auf das Häusliche begrenzt. Dabei wird die Frau weniger als autonomes Individuum, sondern vielmehr in ihrer relationalen Funktion betrachtet – sie wird stets als Tochter, Ehefrau oder Mutter eines Mannes definiert und bleibt ihm strukturell untergeordnet.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass dieses rigide Rollenverständnis für die Betroffenen nicht nur eine Einschränkung, sondern auch eine Aufwertung bedeuten kann. Zwar gibt es große Überschneidungen mit anderen Strömungen des konservativen Islam, doch während hier konformes Verhalten oft als selbstverständlich vorausgesetzt wird, erfolgt im Salafismus eine bewusste Idealisierung: Die „fromme Frau“ wird als moralisches Vorbild stilisiert und erfährt innerhalb der Gemeinschaft viel Anerkennung für ihre Unterordnung. Diese Form der Wertschätzung stellt einen wesentlichen Faktor für die Radikalisierung von Frauen sowie für die Attraktivität des Salafismus für Konvertitinnen dar.

Handlungsmacht im engen Rahmen: Frauen als einflussreiche Impulsgeberinnen

Ein zentrales Ergebnis der Fortbildung war die Erkenntnis, dass Frauen im Salafismus keineswegs nur passive Figuren sind. In verschiedenen Bereichen – etwa in sozialen Medien, in der Organisation von Veranstaltungen oder im Aufbau eigener Angebote – treten sie als Initiatorinnen auf. Anhand konkreter Fallbeispiele wurde deutlich, wie Frauen eigene Handlungsspielräume nutzen und neue Betätigungsfelder erschließen. Diese Gleichzeitigkeit von Objektifizierung und Handlungsmacht beschrieb Fr. Dr. Ziolkowski als Spannungsfeld zwischen Ideologie und gelebter Praxis: Frauen sind hierbei sowohl Objekt normativer Vorgaben als auch Subjekt eigener Entscheidungen.

Radikalisierungsbiografien: Eine Analyse von Push- und Pull-Faktoren

Im zweiten Teil der Fortbildung standen die sogenannten Push- und Pull-Faktoren im Fokus. Die Analyse von Fallbeispielen zeigte, dass Radikalisierungsprozesse häufig mit individuellen Krisen, fehlender sozialer Einbindung oder defizitären familiären Strukturen zusammenhängen (Push-Faktoren). Demgegenüber bietet der Salafismus scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen sowie eine klare Orientierung. Die versprochene Gemeinschaft und das Erleben von Zugehörigkeit und Sinnstiftung wirken hierbei als starke Anziehungskräfte (Pull-Faktoren).

Auffällig ist, dass der Bildungshintergrund kein verlässlicher Schutzfaktor zu sein scheint. Vielmehr spielen emotionale Bedürfnisse – etwa nach Anerkennung, Sicherheit oder Selbstwirksamkeit – eine zentrale Rolle. Die Hinwendung zum Salafismus kann von den betroffenen Frauen selbst als bewusster und empowernder Schritt erlebt werden.

Handlungsmöglichkeiten für Schule und Unterricht

Abschließend wurden konkrete pädagogische Handlungsempfehlungen diskutiert. Im Zentrum steht die Stärkung von Wertebildung, Demokratieverständnis und individueller Identitätsentwicklung. Religionssensibler Unterricht, Empowerment-Angebote für Mädchen sowie eine enge Zusammenarbeit mit Eltern können wichtige Beiträge leisten.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Förderung digitaler Resilienz: Schülerinnen sollten befähigt werden, extremistische und antidemokratische Inhalte in sozialen Medien zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Ebenso wichtig sind geschützte Räume, in denen Fragen zu Religion, Geschlechterrollen und sexueller Orientierung sowie kultureller und gesellschaftlicher Zugehörigkeit offen thematisiert werden können.

Deutlich wurde jedoch auch: Es gibt keine einfachen Lösungen. Präventionsarbeit bleibt eine langfristige und vielschichtige Aufgabe, die auf Sensibilisierung, Beziehungsgestaltung und individuelle Förderung setzt.

Pluralismus statt Vereinfachung: Der Bildungsauftrag angesichts radikaler Tendenzen

Die Fortbildung verdeutlichte eindrucksvoll die Komplexität weiblicher Rollenbilder im Salafismus. Für die schulische Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit, vorschnelle Zuschreibungen zu vermeiden und eine differenzierte Wahrnehmung zu schärfen. Nur durch diesen geschulten Blick können Lehrkräfte präventiv auf Radikalisierungstendenzen reagieren und Schülerinnen wirksam dabei unterstützen, sich zu selbstbestimmten Persönlichkeiten in einer pluralistischen Gesellschaft zu entwickeln. Dabei stellt sich für uns im Schulalltag die zentrale Frage, wie wir den Raum für einen offenen, kritischen Diskurs über Religion und Identität so stärken können, dass sich Schülerinnen erst gar nicht in geschlossene, radikale Weltbilder zurückziehen.

Zur Autorin:

Romina Storb ist Lehrerin am Gymnasium Hochdahl in Erkrath und unterrichtet die Fächer Deutsch und Pädagogik. Im Fach Pädagogik, welches sich zentral mit der Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt, ist sie als Fachvorsitzende tätig. Sie ist seit vielen Jahren Mitglied im Philologenverband NRW.

Service & weitere Informationen zum Thema

MOTRA-Monitor: Jährlicher Bericht des Verbundprojekts „Monitoring System und Transferplattform Radikalisierung“ zur Lage der islamistischen Radikalisierung in Deutschland.

 www.motra.info

Wegweiser: Das Präventionsprogramm des Ministeriums des Innern NRW bietet Beratung für Angehörige, Lehrkräfte und Betroffene im Umfeld von religiösem Extremismus.

www.wegweiser.nrw.de

ufuq.de – Fachstelle für Pädagogik zwischen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus: Bietet praxisnahe Materialien, Workshops und Filme (z. B. „Wie wollen wir leben?“) für den Einsatz im Unterricht sowie Fortbildungen für Lehrkräfte.

www.ufuq.de

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Dossiers und Materialien zum Thema „Islamismus“ und „Frauenbilder im Extremismus“.

www.bpb.de/themen/islamismus

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