Lehrer aus Bocholt warnen vor Gefährdung des Bildungsauftrags

Kategorien: PhV in den MedienVeröffentlicht: 13.05.2026

Integration, Inklusion, IT-Wartung: Schulen übernehmen immer mehr Aufgaben. Bocholter Lehrer sehen den Kernauftrag gefährdet und fordern Änderungen.

Bocholt. Die Prüfungen des Abiturjahrgangs 2026 haben es fast geschafft, doch Kerstin Beran, Constantin Polletta und Ulrich Martin sorgen sich um die Schule. Genauer: um Gymnasien, Gesamtschulen und Weiterbildungskollegs, denn als Mitglieder des Deutschen Philologenverbands sprechen sie für einen gewerkschaftlichen Zusammenschluss von Lehrern an Schulen und Bildungseinrichtungen, die auf das Abitur vorbereiten.

„Kein Lehrer gibt gerne schlechte Noten“, sagt Kerstin Beran, Biologie- und Englischlehrerin am Mariengymnasium in Bocholt. Sie ist Vorsitzende des Philologenverbands im Bezirk Borken, der sich mit dem Kreis Borken deckt. Auch für Lehrer sei es „viel motivierender“, wenn die Schüler gut vorankämen.

Wie ihr Stellvertreter Constantin Polletta, Mathe- und Musiklehrer am Bocholter Georgsgymnasium, und der Borkener Ulrich Martin, stellvertretender Landesvorsitzender des Philologenverbands, sieht Beran jedoch eine „Überlastung des Systems Schule“ durch immer neue Aufgaben. Martin, der viele Jahre am „Georgs“ unterrichtet hat, erklärt: Seit 100 Jahren hätten Lehrkräfte an Gymnasien die gleiche Pflichtstundenzahl, 25,5. „Gleichzeitig haben sich aber die Aufgaben jenseits des Unterrichts im Laufe dieser Zeit ständig erweitert“, sagt der 63‑Jährige. Beispielhaft nennt er Integration und Inklusion, Prävention gegen Gewalt oder Suchtverhalten. Medienkompetenz etwa bei digitalen Medien komme als neuer Erziehungsauftrag hinzu. Die Gesellschaft delegiere immer mehr Aufgaben an die Schulen, „wodurch Schule Gefahr läuft, überfordert zu werden“.

Kernauftrag in Gefahr

Martin warnt: Dies beeinträchtige den Kernauftrag, Schüler zu unterrichten und zu erziehen. Zumal grundlegende Werte wie Respekt, Höflichkeit, Empathie nicht mehr selbstverständlich im Elternhaus vermittelt bekämen; auch dies bleibe zunehmend an den Schulen hängen.

Hinzu komme der Einfluss digitaler Medien, die Konzentrationsfähigkeit und Lesekompetenz senkten. Kerstin Beran erinnert an die PISA-Studien, internationale Untersuchungen zur Schulleistung 15‑Jähriger. Deutsche Schulklassen „stürzen“ im Ländervergleich immer weiter ab, „grundlegende Lesefähigkeiten sind nicht mehr da, mathematisches Verständnis fehlt“.

Ulrich Martin deutet aber auch auf die fehlende Spitzenförderung hin. „Wir sind in Deutschland so ein bisschen auf Mittelmäßigkeit getrimmt. Natürlich müssten die schwächeren Schüler gefördert werden“, erläutert Beran, „aber die oben lassen wir im Prinzip laufen, weil die können’s ja.“ Martin beklagt die „Erosion des Leistungsprinzips“ zugunsten der Gleichheit: „Jeder soll alles erreichen können“ – sei im deutschen Bildungssystem der Leitgedanke, „eigentlich ein fragwürdiger Ansatz“.

Im Vergleich der Bundesländer wiederum stehe NRW an dritt- oder viertletzter Stelle. Das liege nicht nur an unverbindlichen Grundschulgutachten, über die Eltern sich hinwegsetzen könnten, sondern auch am Geld, das pro Schüler investiert werde. Hier liege NRW ganz hinten. Die Konsequenzen für den Bildungserfolg seien „evident“.

Die arbeitszeitliche Belastung der Lehrkräfte machen die Vertreter des Philologenverbands an der wachsenden Zahl dauererkrankter Pädagogen fest. Und da etwa die Zahl der teilzeitbeschäftigten Gymnasiallehrer „maximal zugenommen“ habe, wie Kerstin Beran betont. Im Regierungsbezirk Münster gelte das inzwischen für 57 Prozent der Lehrerinnen und für 19 Prozent der Lehrer. „Das ist Notwehr“, kommentiert Beran. Jene Entlastung, die die Betroffenen nicht von ihrem Arbeitgeber bekämen, versuchten sie trotz Gehaltseinbußen per Teilzeit zu erlangen.

Wie möchte der Philologenverband gegensteuern? Ulrich Martin nennt vier Kernforderungen. Er sagt: Die erste Forderung wäre die Absenkung der seit 100 Jahren unveränderten Unterrichtsverpflichtung und gleichzeitig – damit verbunden – mehr Anrechnungsstunden. Dies seien Stunden, um besonders strapazierte Lehrkräfte zu entlasten. Ulrich Martin erläutert: „Ein klassisches Beispiel ist der Lehrer mit Englisch, Deutsch, der sehr viel zu korrigieren hat.“ Der könne dann über Anrechnungsstunden weniger Pflichtstunden absolvieren.

„Unsere Arbeitszeit setzt sich ja zusammen aus den Unterrichtsstunden, die wir geben müssen und allem, was wir sonst noch machen“, erklärt Kerstin Beran. Anrechnungsstunden federten Belastungsspitzen in einem Kollegium ab, ergänzt Martin. Doch die seien derzeit „viel zu gering im Umfang“.

Die zweite Kernforderung: kleinere Klassen und Kurse, um Schüler individuell fördern zu können – ein Zusammenhang, den die PISA-Studien regelmäßig offenlegen. In der Sekundarstufe I des Gymnasiums und der Gesamtschule (Klasse 5 bis 10) beträgt der offizielle „Klassenfrequenzrichtwert“ 27 Schüler, in der Oberstufe (Jahrgangsstufe 11 bis 13) 19,5.

Und welche Schüler-Lehrer-Relation wäre hier wünschenswerter? Konkrete Zahlen mag Beran nicht nennen; als Interessenverband unter vielen dürfe man nicht „ins Wunschdenken abdriften“. Sie sagt: „Wir sind für alles dankbar, was wir kriegen können.“

Administrative Aufgaben

Die dritte Forderung: „Konzentration auf das Kerngeschäft des Unterrichtens“. Ulrich Martin deutet hier etwa auf die Unterstützung durch Schulsozialarbeiter – auch an Gymnasien. Die in Bocholt seien da allerdings gut ausgestattet, wendet Constantin Polletta ein.

Anders verhält es sich ihm zufolge beim vierten Punkt, der Entlastung von administrativen Tätigkeiten, etwa bei der IT-Wartung: „Wenn sich ein technisches Problem ergibt, muss ich einen Kollegen im Zweifelsfall in seinem Unterricht stören und ihn fragen.“ Zur Pflege von Whiteboards und iPads bräuchten Schulen „IT-Hausmeister“, findet Ulrich Martin. Er nennt weitere Beispiele: die Planung von Schulfahrten, das Einsammeln von Klassengeldern, Einkauf und Ausgabe von Schulbüchern. „Das könnte sehr gut jemand machen, der keine pädagogische Ausbildung hat“, sagt Kerstin Beran. Dafür gebe es Schulverwaltungsassistenten, aber die würden oft „mit Lehrerstunden erkauft“. „Die müssten eigentlich on top dazukommen“, bemängelt Martin.

Hört denn das Landesschulministerium auf solche Forderungen? Stellungnahmen des Verbands würden vom Ministerium „sehr aufmerksam gelesen und auch wertgeschätzt“, entgegnet Ulrich Martin. „Manchmal würden wir uns mehr wünschen“, sagt Kerstin Beran mit Blick auf den Schulalltag. „Aber wir können verstehen, dass das in der Realität nicht immer machbar ist.“

Der gesamte Beitrag ist am Mittwoch, 13. Mai 2026, im Bocholter Borkener Volksblatt erschienen.

Bitte beachten Sie, dass nicht alle Beiträge ohne Abonnement zu lesen sind.

Diesen Beitrag als PDF herunterladen: