Gleichstellung neu denken – Geschlechtergerechtigkeit als Beziehungskultur in der Schule
„Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.“ Mit diesem Zitat von Jean-Baptiste Massillon eröffnete Jutta Bohmann, Vorsitzende des PHV-Referats Frauen, Familie und Gleichstellung, die Fortbildung. Der 24. Januar, so erinnerte sie, sei nicht nur Internationaler Tag der Bildung, sondern, als augenzwinkernder Kontrapunkt, auch ein Tag des herzhaften Lachens. Lernen, so der Impuls, brauche Leichtigkeit, gerade dann, wenn es um komplexe gesellschaftliche Fragen geht.
Im Zentrum der Fortbildung stand ein klarer Perspektivwechsel. Gleichstellung wurde nicht als Förderauftrag oder Maßnahmenbündel verhandelt, sondern als Teil schulischer Kultur verstanden, als gelebte Haltung, die Beziehungen, Sprache und Strukturen prägt. Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, machte deutlich, dass Geschlechtergerechtigkeit weniger eine Frage des Wissens ist als der professionellen Haltung im Umgang mit Vielfalt, Macht und Sprache.
Ausgehend von schulischen Alltagserfahrungen zeigte Khorchide auf, wie Geschlechterrollen durch Familie, Religion, Medien und Populärkultur vermittelt werden. Besonders digitale Räume fungieren für viele Jugendliche als neue Autoritäten. In sozialen Medien zirkulieren emotional verdichtete Identitätsangebote, die Unsicherheiten scheinbar auflösen. Patriarchale Männlichkeitsbilder wirken dort attraktiv, wo Orientierung fehlt. Entscheidend sei jedoch nicht Religion an sich, sondern die Frage, wie Identität politisiert wird und wie schnell sich polarisierende Erzählungen verfestigen.
Als bewusstes Gegenlicht stellte Khorchide die digitale Plattform „Muslim aktiv und weltoffen“ vor, ein Projekt des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. Ziel ist es, junge Menschen mit positiven, identitätsstiftenden und fachlich fundierten islambezogenen Inhalten anzusprechen und extremistischen wie islamfeindlichen Narrativen in sozialen Medien wirksam zu begegnen.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der kritischen, interdisziplinären Männlichkeitsforschung, die in Münster gezielt ausgebaut wird. Leitend ist dabei die Frage, wie Jungen erreicht werden können, die in ihrer Rolle unsicher sind, ohne sie bloßzustellen, zu beschämen oder zu belehren. Beschämung, so wurde deutlich, verstärkt genau jene Muster, die Gleichstellungsarbeit eigentlich überwinden will.
In der Diskussion wurde deutlich, wie sehr Desinformation, moralischer Druck in Gruppen und verunsichernde Zuschreibungen den schulischen Alltag prägen. Ein kurzer historischer Abriss zeigte, wie sich die Bedeutung des Islams für die Identitätsbildung über Generationen hinweg vom kulturellen Bezugspunkt hin zu einer symbolisch aufgeladenen Identitätsmarke verschoben hat. Damit verbunden ist die Aufgabe, die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht nur zu benennen, sondern im schulischen Miteinander erfahrbar zu machen.
Zum Abschluss griff Khorchide religiöse Narrative auf, die Beziehung vor Dominanz stellen, etwa die koranische Figur des Moses, der nicht durch Machtausübung, sondern durch Dienst, Verantwortung und Beziehung wirkt, oder das Bild der Maria, die im Islam hohen Respekt genießt. Solche Erzählungen eröffnen alternative Zugänge zu Autorität und Männlichkeit.
Der Fortbildungstag machte deutlich, dass Gleichstellung in der Schule weniger eine Frage des Wissens ist als der professionellen Haltung im Umgang mit Vielfalt, Macht und Sprache. Gefragt ist eine Gesprächsfähigkeit, die Spannungen aushält, Unterschiede benennt und dennoch verbindend wirkt. Die begonnene Debatte wird im Laufe des Jahres in weiteren Fortbildungsformaten fortgeführt.
Gleichstellung neu zu denken heißt, sie als Teil schulischer Beziehungskultur gemeinsam zu entwickeln und dabei jene professionellen Kompetenzen zu stärken, die Orientierung geben, Klärung ermöglichen und tragfähige Beziehungen im schulischen Alltag sichern.


