Lehrkräfte vermissen Respekt und Unterstützung von Eltern
- PhV-Umfrage unter 1.400 Lehrkräften: vor allem Wertschätzung fehlt
- Deutliche Kritik am Elternwillen als alleiniges Steuerungselement
- Unterstützung für Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche

Illustration PhV_Elternumfrage: Lehrkräfte vermissen Respekt und Unterstützung von Eltern
Düsseldorf, 11. Juni 2026. Der Unterschied zwischen Klassenzimmer und Küchentisch ist groß. Häufig liegen sogar die sprichwörtlichen Welten dazwischen. Das zeigt eine Umfrage des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes (PhV NRW) unter rund 1.400 Lehrerinnen und Lehrern. Der PhV wollte von seinen Mitgliedern wissen, wie sie das Engagement der Eltern an ihrer Schule einschätzen. „Bei vielen Eltern herrscht Funkstille – bis die Noten nicht stimmen“, sagt Sabine Mistler, Landesvorsitzende des PhV. „Aus Sicht vieler Kolleginnen und Kollegen melden sich Eltern vor allem dann, wenn es um Beschwerden, schlechte Leistungen oder Konflikte geht.“
Wir haben aus den Ergebnissen der Umfrage zehn Thesen abgeleitet, die das nicht immer ganz einfache Verhältnis der beiden Seiten beschreiben.
Eltern melden sich vor allem, wenn es Ärger und schlechte Noten gibt
Die häufigsten Anlässe für Elternkontakt sind „Leistungsprobleme“ (83%) und „Verhaltensauffälligkeiten“ (56%), seltener nur „organisatorische Angelegenheiten“ (40%) oder „Beratung zur Schullaufbahn“ (27%). Lob oder Anerkennung sind ohnehin Mangelware, lediglich 7% der Kontakte entfallen laut Umfrage auf positives Feedback.
Ein relevanter Teil der Eltern bleibt für Lehrkräfte unsichtbar
Ein relevanter Teil der Eltern reagiert nicht auf Gesprächsangebote
Gesprächsangebote der Schulen werden zwar genutzt, aber eben nicht von allen Eltern. 39% der Lehrkräfte geben an, dass Eltern „fast alle“ Gesprächsangebote wahrnehmen (unter fast alle verstehen wir, wenn acht von zehn Eltern auf Einladungen/Angebote reagieren; vgl. Anlage). Weitere 34% sehen „viele“ angenommene Gesprächsangebote (sechs bis acht von zehn Eltern). Gleichzeitig berichtet ein Viertel der Lehrkräfte, dass nur wenige oder kaum Angebote genutzt werden – es gibt also eine Gruppe, die auf schulische Gesprächsmöglichkeiten nicht reagiert. „Eine relevante Minderheit bleibt für Gesprächsangebote seitens der Schule weitgehend unsichtbar“, sagt die PhV-Vorsitzende Mistler.
Eigeninitiative zeigt nur eine Minderheit der Eltern
37% der Lehrkräfte sagen, nur „eine Minderheit“ der Eltern nimmt von sich aus, also ohne Einladung durch Lehrerinnen und Lehrer, Kontakt zur Schule auf. Am zweithäufigsten (23%) wird berichtet, dass nur „etwa die Hälfte“ der Eltern eigeninitiativ Kontakt sucht, jede fünfte Lehrkraft (20%) sieht „kaum jemanden“. „Die engagierten Eltern gibt es – aber sie sind eine Minderheit: Ein nennenswerter Teil der Eltern überlässt der Schule die Verantwortung für den Bildungserfolg ihrer Kinder“, sagt Mistler.
Zusammenarbeit ist oft mühsam – echte Partnerschaft die Ausnahme
44% der Lehrkräfte erleben die Zusammenarbeit mit Eltern „teils konstruktiv, teils konflikthaft“, 43% als „überwiegend konstruktiv“; weitere 7% sprechen von „häufig konflikthaften Beziehungen“ bzw. „überwiegend belastender Zusammenarbeit“. Lediglich 4% der Lehrkräfte beschreiben die Zusammenarbeit mit den Eltern als „sehr konstruktiv und unterstützend“.
Unterstützung von Schulleitungen? Ja, aber …
Lehrkräfte wünschen sich mehr Unterstützung der Schulleitung
Zwar geben 51% an, bei Konflikten mit Eltern von der Schulleitung unterstützt zu werden, doch 35% schränken ein und sagen „es kommt auf den Einzelfall an“ und 14% fühlen sich „gar nicht gestützt“. In den offenen Antworten wird deutlich: Viele Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich „klare und uneingeschränkte Unterstützung der Schulleitung“.
Beschwerdemanagement bleibt an vielen Schulen ein blinder Fleck
42% sagen, an ihrer Schule gebe es „kein transparentes Beschwerdemanagement“, weitere 25% können diese Frage nicht beantworten. Damit arbeitet nur etwa ein Drittel der Befragten an Schulen mit klar geregelten Abläufen für Beschwerden – trotz wachsender Konflikte und juristisch aufgeladener Auseinandersetzungen.
Lehrkräfte lehnen den Elternwillen als Steuerungsinstrument ab
Konfliktpotenzial bietet die Frage nach dem alleinigen Elternwillen beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I. 70% der Befragten sind der Meinung, dass er nicht allein entscheiden sollte – zumindest dann nicht, wenn es „berechtigte Zweifel an der Eignung des Kindes“ gebe. Jede vierte Lehrkraft (25%) ist anderer Ansicht, für sie gehört der Elternwille abgeschafft; lediglich 3% halte ihn für „unantastbar“. „Die Mehrheit der Lehrkräfte wünscht sich eine Neubewertung des Elternwillens beim Übergang an weiterführende Schulen“, resümiert die PhV-Vorsitzende. „Pädagogische Eignungsdiagnosen sollten stärker zählen als Wunschvorstellungen.“
Vorbild Australien: soziale Medien verbieten?
Social-Media-Verbot: Lehrkräfte sehen Eltern eher auf ihrer Seite
Bei einem ebenfalls konfliktträchtigen Thema sehen Lehrkräfte die Eltern hingegen eindeutig auf ihrer Seite – bei der nach einem Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche (bis 16 Jahre), wie es seit Dezember 2025 in Australien versucht und in anderen europäischen Ländern ebenfalls diskutiert wird. 40% der Lehrerinnen und Lehrer glauben, dass die Elternschaft für ein Verbot sei, ein knappes Drittel (31%) sieht Erziehungsberechtigte in dieser Frage unentschieden. 7% sehen Eltern klar für ein Verbot einstehend, eine Minderheit (2%) glaubt, dass Eltern ein Verbot ablehnten.
Lehrkräfte sehen Elternengagement tendenziell rückläufig
42% der Lehrkräfte nehmen das Engagement der Eltern als „gleichbleibend“ wahr, rund die Hälfte (49%) berichtet jedoch von einer „leichten“ oder „deutlichen“ Abnahme. 9% beobachten eine „leichte“ bis „deutliche“ Zunahme.
Der Draht zwischen Elternhaus und Schule ist heute vor allem digital
E‑Mails (87%) und schulische Plattformen (43%) haben Sprechstunden (25%) und Telefonate (21%) als wichtigste Kommunikationswege klar abgelöst.
„Es darf nicht sein, dass der Erziehungs- und Bildungsauftrag zunehmend an die Schulen delegiert wird“, sagt die PhV-Vorsitzende Sabine Mistler. „Unsere Umfrageergebnisse machen deutlich, dass sich immer mehr Verantwortung von den Eltern auf die Schulen verlagert. Eine echte Bildungspartnerschaft setzt jedoch voraus, dass Eltern ihren unverzichtbaren Beitrag zur Erziehung und zum Lernerfolg ihrer Kinder leisten. Derzeit erleben viele Lehrkräfte, dass dies nicht selbstverständlich ist.“
Zur Umfrage: 29. März bis 30. Mai 2026; beteiligt haben sich 1.402 Lehrerinnen und Lehrer. Die meisten von ihnen arbeiten an öffentlichen Gymnasien (85%), es folgen Gesamtschulen und Weiterbildungskollegs. Lediglich 5% der Befragten sind Berufsanfänger/-innen mit weniger als 5 Jahren Lehrerfahrung. 39% sind zwischen 16 und 25 Jahren im Beruf, 31% zwischen 5 und 15 Jahren. 190 der 1.402 Teilnehmenden sind Mitglied der Schulleitung.