Schulbarometer blendet strukturelle Probleme aus

Kategorien: PressemitteilungenVeröffentlicht: 18.03.2026
  • Studie untersucht individuelle und keine systemischen Belastungen
  • Fehlende Ressourcen und Personalmangel werden nicht thematisiert
  • PhV: Schule kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen

Düsseldorf, 18. März 2026. Die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers 2025 zur psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern zeichnen ein alarmierendes Bild, greifen aus Sicht des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes (PhV NRW) aber zu kurz – und sind in Teilen irreführend. Es wird erneut deutlich, dass ein erheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen psychisch belastet ist. „Doch die Studie bleibt weitgehend auf der Ebene individueller Belastungen und pädagogischer Stellschrauben stehen“, sagt die PhV-Landesvorsitzende Sabine Mistler. „Sie blendet die zugrunde liegenden strukturellen Probleme des Bildungssystems aus.“

Aus PhV-Sicht suggeriert die Befragung, Lehrkräfte könnten mit noch mehr Beziehungsarbeit, Partizipation und Förderung allein all das kompensieren, was politisch oder familiär verursacht und strukturell verschärft worden ist. Das aber führt de facto zu einer weiteren Verantwortungsverschiebung auf die Schulen und insbesondere auf die Lehrkräfte, statt die politisch Verantwortlichen in die Pflicht zu nehmen. „Wer vorrangig über Unterrichtsqualität, Klassenklima und Mitbestimmung spricht, aber den Lehrkräftemangel, die permanenten Reformlasten und jahrelange Unterfinanzierung ausblendet, greift die Realität an unseren Schulen nur unzureichend auf“, kritisiert Mistler.

Soziale Schieflagen lassen sich nicht wegpädagogisieren

Besonders kritisch sieht der PhV, dass hohe Leistungsanforderungen und Leistungsdruck vor allem auf der Ebene subjektiver Wahrnehmung verhandelt werden. „So entsteht der Eindruck, das Problem sei vor allem ‚zu viel Druck‘ im System Schule“, sagt Mistler. Nicht thematisiert werde, dass dieselben Schulen seit Jahren unter Reformdruck, einem wachsenden Aufgabenprofil (Inklusion, Integration, Ganztag, Beratung, Digitalisierung) und gleichzeitig fehlenden Ressourcen leiden.

Auch beim Thema Chancengerechtigkeit übt der PhV deutliche Kritik. Dass Kinder aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen und Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf besonders gefährdet sind, werde zwar benannt – aber erneut primär als pädagogische und schulische Herausforderung gerahmt. „Hier werden soziale Schieflagen diagnostiziert, und die Schulen und Lehrkräfte sollen sie unter Mangelbedingungen wegpädagogisieren“, bemängelt Sabine Mistler.

Der PhV warnt außerdem davor, aus den Ergebnissen zu kurz gedachte, bildungspolitische Forderungen abzuleiten – etwa nach weiteren Arbeitsaufträgen für Schulen oder nach pauschaler Absenkung von Leistungsanforderungen. „Wir lehnen eine Instrumentalisierung durch Studien ab, ganz besonders dann, wenn dadurch leistungsorientierte Schulformen schrittweise delegitimiert werden sollen.“ stellt Mistler klar. Ohne belastbare Differenzierung nach Schulformen, Rahmenbedingungen und Ressourcenausstattung besteht die Gefahr, ganze Schulzweige zu problematisieren, ohne ihre besondere Funktion im gegliederten System mitzudenken.

Probleme benennen, anstatt sie zu verschleiern

Aus Sicht des PhV sind die Befunde zur psychischen Belastung von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen – aber sie dürfen nicht in einer pädagogisch verkürzten Perspektive stecken bleiben. Der Verband fordert daher:

  • eine klare Benennung der strukturellen Ursachen: Lehrkräftemangel, Ressourcenknappheit und permanente (Reform-)Überlastung;
  • verbindliche Konsequenzen für Personal- und Ressourcenausbau an allen weiterführenden Schulen, insbesondere für Schulpsychologie und Schulsozialarbeit
  • Entlastung der Lehrkräfte;
  • eine enge Verzahnung von Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik.

„Die Botschaft des Schulbarometers ist wichtig – die Konsequenzen müssen aber sehr viel entschiedener bei der Bildungspolitik und der Gesamtgesellschaft liegen, nicht einseitig bei den Schulen und Lehrkräften“, betont Mistler. Nur wenn strukturelle Rahmenbedingungen grundlegend verbessert werden, können Lehrkräfte ihrer professionellen Verantwortung für Leistung, Förderung und Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler tatsächlich gerecht werden.

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