Gefühlter Zwang zur Nutzung: KI setzt Lehrkräfte unter Druck
- Für neun von zehn Lehrkräften gehören Chatbots zum Alltag
- Bewertung von Schülerleistungen bleibt zentrale Herausforderung
- Lehren mit KI: Arbeitserleichterung und Arbeitsverdichtung zugleich
Düsseldorf, 8. Oktober 2026. Künstliche Intelligenz ist im Lehrerzimmer angekommen: Neun von zehn befragten Lehrkräften nutzen KI-Chatbots wie ChatGPT & Co. für ihre Arbeit; manche nur gelegentlich, fast jede zweite mehrmals in der Woche oder sogar täglich. Zugleich befürchten inzwischen viele berufliche Nachteile, wenn sie keine KI nutzen. Die KI-Assistenten des Landes spielen bislang kaum eine Rolle, und an den meisten Schulen fehlen verbindliche Regeln. Das zeigt die vierte Umfrage des Philologenverbands NRW (PhV NRW) zu KI in Schule und Unterricht mit 1.205 Teilnehmenden.
KI-Chatbots gehören längst zum Schulalltag: Viele der von uns befragten Lehrkräfte nutzen die Chatbots „mehrmals in der Woche“ (31 Prozent), „gelegentlich“ (29%) oder sogar „täglich“ (14%). Lediglich 8% geben an, ChatGPT und andere Systeme gar nicht zu nutzen. Vor einem Jahr lehnten noch 17% KI grundsätzlich ab, 2023 verzichtete noch mehr als die Hälfte (54 %) auf KI. „Viele unserer Kolleginnen und Kollegen erkennen nach anfänglichen Vorbehalten mittlerweile einen echten Nutzen in den Chatbots“, sagt die PhV-Vorsitzende Sabine Mistler. „Mit dem Nutzen steigt auch die Akzeptanz.“
Die Umfrageergebnisse stützen diese Einschätzung. Konkret sagen 55,6% der von uns Befragten, dass KI-Systeme ihre Arbeit „sehr“ oder „etwas“ erleichtern. Tendenziell bewerten jüngere Lehrkräfte (unter 5 Jahre Berufserfahrung) die Erleichterung öfter mit „sehr“. Mit zunehmender Berufserfahrung sinkt auch die Nutzung. Ab 15 Jahren kommt KI nur „gelegentlich“ zum Einsatz, Jüngere nutzen sie „mehrmals in der Woche“ oder „täglich“.
Der Druck, KI nutzen zu müssen, steigt
Sorge vor Arbeitsverdichtung und Mehrarbeit: Der Einsatz von KI weckt auch Befürchtungen bei den befragten Pädagoginnen und Pädagogen. 39,3% erwarten, dass durch KI die Ansprüche an den Umfang und die Qualität ihrer Arbeit steigen, 30,4% sorgen sich vor Arbeitsverdichtung. Viele der Befragten befürchten Probleme, wenn sie KI-Chatbots nicht beruflich nutzen. Konkret sagen das 41,8%. Eine Entwicklung, die abzusehen war. „Selbst, wenn Lehrkräfte den Einsatz aus pädagogischen Gründen ablehnen, kommen sie daran kaum vorbei. Ihre Schülerinnen und Schüler nutzen sie, und Lehrkräfte müssen die Verwendung erkennen können. Sie werden faktisch zur Nutzung gezwungen“, stellte die PhV-Vorsitzende Mistler 2023 fest.
Wer hat’s gemacht? Leistungsbewertung ist schwierig
Die Frage nach der Eigenleistung bleibt ungeklärt: Gut 40% der Lehrkräfte sind der Meinung, dass durch KI sich die Bewertung von Schülerleistungen „eher stark“ (29,4%) oder „sehr stark“ (11,5%) verändert habe. „Die Notengebung ist durch KI komplexer geworden“, sagt Sabine Mistler. Schon bei der 2025er-Umfrage wurden intransparente Eigenleistungen als großes Problem genannt. Die Lösungsvorschläge der Lehrkräfte klingen teilweise drastisch, wie ein Blick auf die Kommentare zeigt: In den Freitexten fordern viele Lehrkräfte mehr mündliche, handschriftliche und in der Schule erbrachte Prüfungen. Facharbeiten und die geplante Präsentationsprüfung im fünften Abiturfach werden infrage gestellt. Andere regen Lösungen wie Störsender oder Software zur Erkennung von KI-Texten an, um KI-Nutzung zu verhindern.
Lehrkräfte sehen KI-Einfluss auf Kinder kritisch: Lehrkräfte nutzen KI mittlerweile selbstverständlich, aber nach wie vor mit einer ordentlichen Portion Skepsis. Auf die Frage, wo sie die größten Herausforderungen bei der Arbeit mit Chatbots sehen, nennen die meisten der befragten Lehrkräfte „fehlerhafte Ergebnisse“ an erster Stelle (70,1%). 42,9% sehen Probleme beim Datenschutz, fast genauso viele (41,7%) befürchten, ihre kognitiven Fähigkeiten einzubüßen, wenn sie Arbeit an die künstliche Intelligenz auslagern. Mit Sorgen sehen die meisten Lehrkräfte den Einfluss von KI. Mehr als 70% fordern eine Abschätzung der Folgen für Kinder und Jugendlichen.
ChatGPT ist Klassenbester – was die Nutzung angeht
Lehrkräfte nutzen vor allem kommerzielle KI-Systeme: ChatGPT hat von allen kommerziellen Anwendungen deutlich die Nase vorn. 66,8% nutzen den Chatbot, gefolgt von Gemini (31,1%) und der Anwendung von Fobizz (30,2%). ChatGPT war auch in den Befragungen der Vorjahre stets Klassenbester. Allerdings bröckelt die Vormachtstellung von ChatGPT, 2025 nutzten noch rund 90% diesen Chatbot. Nicht gefragt haben wir, ob Lehrerinnen und Lehrer zu Bezahlversionen greifen. Klar ist aber auch, dass die KI-Angebote des Landes sich im Vergleich zur kommerziellen Konkurrenz bislang nicht durchsetzen.
KI-Assistenten des Landes sind weitgehend unbekannt: Weniger als 5% der von uns Befragten nutzen die vier KI-Assistenten, die das Land NRW seit Anfang Juni für Lehrerinnen und Lehrer bereitstellt. Im Umkehrschluss nutzen mehr als 90% die Assistenten nicht, 39% sagen sogar: „kenne ich nicht“. Bei der Befragung im Jahr 2025 zeigte sich ein ähnliches Muster beim KI-Handlungsleitfaden des NRW-Schulministeriums: 49% gaben vergangenes Jahr an, die Handreichung gar nicht zu kennen.
An der Mehrheit der Schulen fehlen klare Vorgaben
Wenige Schulen geben sich eigene KI-Regeln: Gibt es an Ihrer Schule Vorgaben für die KI-Nutzung, wollten wir von den Teilnehmenden wissen. 28% haben diese Frage mit Ja beantwortet. Seit unserer ersten Befragung hat sich der Anteil damit mehr als verdoppelt (2023: 13%). 57% sagen, es gebe keine schulischen Vorgaben, 14% der Befragten sind sie nicht bekannt. „Der überwiegende Teil der Lehrkräfte arbeitet nach wie vor ohne bekannte Regeln“, stellt Mistler fest. „Dabei steht der Wunsch nach Vorgaben zur rechtskonformen Nutzung seit unserer ersten Befragung weit oben auf dem Wunschzettel der Kolleginnen und Kollegen.“
Das Fazit: „Dass künstliche Intelligenz gleichzeitig Chance und Herausforderung ist, zeigt unsere mittlerweile vierte Umfrage noch einmal deutlich“, resümiert Sabine Mistler. „Auf der einen Seite erleichtert sie unseren Kolleginnen und Kollegen an manchen Stellen die tägliche Arbeit, auf der anderen Seite sehen wir die Gefahr, dass dadurch die Ansprüche des Dienstherrn, was Arbeitsumfang und -qualität angeht, steigen. Viele Lehrkräfte fühlen sich unter Druck gesetzt, mit Chatbots arbeiten zu müssen. Gerade in größeren Schulsystemen wie Gymnasien und Gesamtschulen brauchen wir deshalb mehr Ressourcen und Zeit, um den Umgang mit KI zu professionalisieren und der rasanten Entwicklung standhalten zu können.“
Zur Umfrage: Laufzeit 4. bis 27. September 2026. Beteiligt haben sich 1.205 Lehrerinnen und Lehrer vornehmlich an Gymnasien (88%) und Gesamtschulen (9%). Der überwiegende Teil der Befragten ist zwischen 15 und 25 Jahren im Beruf (44%), gleichauf sind Lehrkräfte, die zwischen fünf und 15 Jahren im Beruf (27%) sind und jene, die mehr als 25 Jahre unterrichten (26%). 5% sind Berufsanfängerinnen oder -anfänger mit bis zu fünf Jahren im Beruf.
20261008_PM_KISchuleUnterricht
20261008_Ergebnisse_KISchuleUnterricht
Vorherige Umfragen:
2025: 20251111_Umfrage3_ChatGPT
2024: 20240125_Umfrage2_ChatGPT
2025: 20230404_Umfrage_ChatGPT